25.11. Tour Part II: Von Zürich bis Berlin

Die Tour ist inzwischen seit einigen Wochen vorbei und natürlich haben wir es vor lauter Wäsche waschen und Tourbus reinigen nicht geschafft, euch zu berichten, wie es denn nun war. Dafür jetzt in einer kleinen (?) Kurzzusammenfassung:
ZÜRICH, Mascotte: Lange Fahrt, aber noch schlimmer: Große Angst vor Grenze und Zoll, denn wer Nagels Buch gelesen hat, weiß, dass die nicht lange mit unschuldigen Punkrockbands fackeln. Glücklicherweise haben wir denselben Booker wie Muff Potter, holen uns also vor der Grenze noch telefonisch letzte Ratschläge ("CDs und T-Shirts auf eure privaten Koffer verteilen, ihr seid nur für einen Promo-Gig in der Schweiz"). Die Koffer platzen und wir rechnen uns schon aus, wieviel Kilo das ausmacht, wenn drei zu Fuß über die Grenze gehen (lest das Buch, schnell). Dann muss Jules hinters Lenkrad, schließlich hat sie den Mädchen-Bonus mit ihren großen Kulleraugen. Die kriegen wir schon weich, die Zöllner! Leider wird mir mit hysterischen Zurufen untersagt, die kommenden Szenarien mit meiner Kamera zu filmen, sonst könntet ihr jetzt "1 minute of boredom" schauen. Die Pässe liegen schon bereit (oh oh oh, dürfen Koreaner überhaupt einreisen?), es wird langsam an die Zöllner herangerollt, Fenster runter und dann: Durchgewunken. Wir sind in unserer Punkrockehre zutiefst gekränkt. Die hätten ja wenigstens mal die Pässe kontrollieren können! Danach geht das Palawer wieder los, "hätten wir den Merch ja doch nicht verstecken müssen"; manchmal frage ich mich, ob nur Mädchen so sind. Aber zurück zum Thema: Zürich ist wunderschön, sauber, aber verdammt teuer. Der Club, in dem wir spielen, ist einer der ältesten der Stadt und wurde vor kurzer Zeit renoviert. In einem Style, der uns schwach macht. Wo wir einfach mal aufs Klo gehen, weil wir die schwarzen Fliesen und die kubistischen Waschbecken so geil finden. Die Veranstalter sprechen passables Hochdeutsch, wir bekommen wie versprochen eine leckere Käseplatte, Toblerone und sogar einen Kaffeeautomaten. Und weil man ja schon einmal in Zürich ist, gehen wir auch noch in eins der piekfeinen asiatischen Restaurants und fühlen uns unglaublich dekadent. Das einzige Mal auf Tour spielen wir heute alleine, obwohl das nur die halbe Wahrheit ist: Nach uns gibt es das berühmt-berüchtigte "Karaoke from Hell", sprich eine Live-Band, die allen Klassikern der etwas härteren Gangart mächtig ist. Wie zu erwarten wird es ein Mordsspaß mit über 200 feiernden Gästen und uns mittendrin. "Ooohoohoh, I got erection!" Im Laufe des Abends finden wir heraus, dass der Club u.a. Martin von Celtic Frost gehört, mit denen unser Lieblingsroadie Deichkind bereits in Amerika auf Tour war. Sofort werden beduselte SMS über den Atlantik geschickt und wir sind traurig, dass Deichkind heute Abend nicht dabei ist. Dagegen helfen nur ein paar Kurze - gut, dass Martin der Chef vom Laden ist.
NÜRNBERG, Desi: Auf dem Rückweg nach Deutschland lege ich eine verdiente Schlummerpause ein, da passiert es: Wir werden vom Zoll rausgewunken. Unverhofft kommt oft und irgendwie haben wir da gerade überhaupt keine Lust drauf. Nach der obligatorischen Passkontrolle geht es aber nach bereits fünf Minuten wieder auf die Bahn. Im Gegensatz zu Zürich bekommen wir von Nürnberg als Stadt an sich kaum etwas mit. So ist das eben als Band ohne Crew: Ausladen, aufbauen, Soundcheck, Essen, "wo können wir uns umziehen?", Bühne, Merch, abbauen, einladen. Das ist in jeder Stadt gleich, Fluch und Ruhepol in einem. Heute spielen wir mit einer weiteren Frauenband zusammen, die Scaredy Cats. Sehr nette Menschen mit einem zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftigen bayerischen Dialekt, der zu Verwirrung führt. O-Ton Scaredy Cats: "Wie habt ihr euch denn gefunden?" - Jihni: "Mit dem Navi". Ah! Trotz Kommunikationsfehlleistungen wird der Abend schön, was vor allen Dingen an dem tollen Essen liegt: Pfannkuchenauflauf. Ein Traum! Überrascht werden wir von unserem alten Freund Michael, der jetzt in Nürnberg wohnt und plötzlich neben uns steht. Fast noch schöner als der Pfannkuchenauflauf! Am Ende des Abends werden wir wieder sentimental, weil Veranstalter Steffen erzählt, dass die Zukunft der Desi (hier wurden übrigens früher Leichen gewaschen) ungewiss ist. So ein tolles Team und dann so blöde Aussichten. Wir sind traurig und können uns nur dadurch trösten lassen, dass Steffen uns verspricht, uns das Pfannkuchenauflaufrezept zu schicken.
BONN, Klangstation: Die Bahn streikt. Das betrifft zwar nicht unseren Tourbus, allerdings liegt die Klangstation direkt an einem Bahnhof im Nirgendwo von Bonn. Dementsprechend sind wenige Leute beim Konzert und die, die da sind, muss man ständig dran erinnern, dass in genau zwei Minuten der letzte Zug für die schätzungsweise nächsten vier Stunden fährt. Es ist kalt und grau und wenn irgendwer mal einen kollegialen Diss verdient hätte, dann wäre es die Vorband. Falls nochmal begriffliche Schwierigkeiten bestehen sollten, was Backline-Basics sind, einfach mal beim Musiker-Sorgentelefon anrufen - oder ganz einfach die Band selbst fragen. Fürs nächste Mal haben wir übrigens strikte Anweisungen vom Tourmanagement bekommen, brutal und skrupellos derartige Aktionen zu unterbinden, also watch out! Am Ende sind wir alle am Ende und machen einen ordentlichen Kuschelabend mit Fernsehgucken, Zusammen-im-Bett-Liegen und einfach nur Wohlfühlen im Hotel. Schön, dass wir eine Mädchenband sind. Der Supergau kommt am nächsten Morgen, als mir auffällt, dass mein iPod weg ist. Doch das Problem löste sich schneller als erwartet. (In der Hoffnung, dass nicht viele es geschafft haben, den Text bis hier hin zu lesen:) Ich hatte ihn im Sonnenstudio vergessen. Peinlich! ;-)
BERLIN, Alleins: Ich glaube, wir haben dieses Jahr nirgendwo öfter gespielt als in Berlin. Inzwischen sind auch aus den Dortmunder Gefilden einige Menschen in die Hauptstadt abgewandert, was bedeutet, dass man diese Konzerte wunderbar mit Besuchen verbinden kann. Dieses Mal muss unsere Merchfrau Nadine dran glauben, die seit September Berlinerin ist. In jeder Stadt mindestens eine besondere Person, auf die man sich freut - das ist toll! Es gibt ein freudiges Wiedersehen mit Spaziergängen an der Spree und am Ende vielen Tränen. Das vergisst man fast den Grund, wegen dem man hier ist: Rock'n'Roll. Das Alleins ist ein Jugendzentrum in Berlin-Köpenick, ab vom Schuss, mit vielen BMXlern und anderen bekappten Jugendlichen. Mit dabei sind heute Abend die Lipstix aus Leipzig, auch durchweg weiblich und mit ordentlich Talent im Gepäck. Es wird ein sehr krachiger Abschlussabend mit einigen bekannten Gesichtern und Menschen, die es aus Mitte - auf Grund eines Anfahrtsweges von 1,5 Stunden (mit der Bahn) - nicht nach Köpenick geschafft haben. Nach unserem letzten Song werden die jungen Trendsportler richtig locker und betteln um Zugaben - so haben wir es gerne! Der letzte Tag einer Tour ist immer so bedeutungsschwer und emotional, dass man besser keinen Wodka trinken sollte. Dieser Satz steht bald in unseren Tourregeln - bis dato wurde er allerdings konsequent mißachtet. Deswegen schnell Zähneputzen und ins Bett. Am nächsten Morgen lecker Frühstück mit Veranstalter Volker, der übrigens bei She-Male Trouble spielt. Die Welt ist so klein, dass man fast verrückt wird. Wenn alle Veranstalter selbst in Bands spielen würden, wäre diese Welt übrigens eine bessere, haben wir uns auf dem Heimweg überlegt. Tourfazit: Jihni ist total krank und kann schlecht sprechen, Rebecca hat am häufigsten den Titel "Bratze des Tages" verliehen bekommen, Jules und ich sind total fit und besuchen noch am gleichen Abend Jupiter Jones in Duisburg. Denn: The Tour must go on! Maren